Erinnern heißt Haltung zeigen
Wenn wir heute den Menschen gedenken, die zwischen 1933 und 1945 Opfer des Nationalsozialismus wurden, erhalten wir nur einen sehr begrenzten Einblick in das unermessliche Ausmaß von Gewalt, Entrechtung und systematischer Verfolgung. Jeder einzelne Stolperstein steht für ein konkretes Leben – und zugleich für viele weitere Schicksale, die mit diesem Menschen verbunden waren: Familien, Freunde, Nachbarn. Erinnerung bedeutet, diese Geschichten sichtbar zu machen und Verantwortung daraus abzuleiten.
Um genau das zu tun, hat die Abgeordnete Aldona Niemczyk erneut zu einer Stolpersteinbegehung rund um den Savignyplatz eingeladen. Die Begehung ist für sie längst mehr als ein einzelnes Gedenken – sie ist Ausdruck eines kontinuierlichen Engagements für jüdisches Leben in Berlin. Dass sie in diesem Jahr während Chanukka stattfand, setzte ein bewusstes Zeichen der Solidarität und Sichtbarkeit.
Geleitet wurde die Begehung von der Historikerin Dr. Christiane Scheidemann. Sie führte die Teilnehmenden sachkundig durch ein Viertel, das einst zu den Zentren jüdischen Lebens in Charlottenburg gehörte. In den 1920er und frühen 1930er Jahren prägten jüdische Künstler, Unternehmer und Intellektuelle das kulturelle und wirtschaftliche Leben rund um den Savignyplatz. Es herrschte eine Vielfalt, die durch die nationalsozialistische Verfolgung systematisch zerstört wurde.
Im Anschluss an die Begehung fand ein Bürgerdialog mit Dr. Gideon Joffe, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, sowie Jochen Feilcke, dem Vorsitzenden der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg e.V., statt. Der Austausch machte deutlich, dass Erinnerung nicht bei der Rückschau stehen bleiben darf. Im Mittelpunkt standen die Sichtbarkeit jüdischen Lebens in der Gegenwart, konkrete Sicherheitsbedenken und die bedrückende Realität, dass z.B. jüdische Schulen aus Angst teilweise gemieden werden. Der Dialog zeigte eindrücklich den täglichen Spagat zwischen dem Wunsch nach Normalität und der Notwendigkeit von Schutz. Antisemitismus ist keine historische Randerscheinung – er ist eine reale und akute Bedrohung unserer Gesellschaft heute.
Die historischen Zahlen machen das Ausmaß der Zerstörung sichtbar: 1933 lebten rund 170.000 Jüdinnen und Juden in Berlin, verteilt über die gesamte Stadt. In Charlottenburg und Wilmersdorf allein waren es mehr als 50.000 Menschen. Bei Kriegsende lebten schätzungsweise lediglich 6.000 bis 8.000 in Berlin – Überlebende von Lagern und Ghettos, Untergetauchte oder Menschen aus sogenannten Mischehen. Tausende wurden deportiert, ermordet oder sahen keinen anderen Ausweg als die Flucht in den Tod.
Heute erinnern allein im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf rund 4.100 Stolpersteine an diese Menschen. Das dezentrale Kunst- und Erinnerungsprojekt des Künstlers Gunter Demnig wird von einer ehrenamtlichen Initiative getragen und vom Bezirksamt unterstützt. Jeder einzelne Stein ist das Ergebnis intensiver Recherche – oft angestoßen durch Angehörige, Schulklassen oder engagierte Bürgerinnen und Bürger aus dem In- und Ausland.
Stolpersteine mahnen uns, Verantwortung zu übernehmen. Sie fordern uns auf, nicht wegzusehen, sondern Haltung zu zeigen – gegen Antisemitismus, gegen Ausgrenzung und gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit. Erinnerung ist kein Ritual. Sie ist eine politische Aufgabe.